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Maria - DigitalAngels

Triggerwarnung: In diesem Interview werden unter anderem digitale Gewalt und Mobbing thematisiert. Wenn dich diese Themen belasten, dann lies es dir lieber nicht (alleine) durch!


Wie würdest du einem Kind erklären, was du machst?


Das Projekt „DigitalAngels“ ist ein Projekt für Mädchen* und junge Frauen* zwischen 14 und 19 Jahren, also für Jugendliche. Und in dem Projekt gucken wir uns nur in einer Gruppe von Mädchen* an, was sie so im Internet erleben und welche Erfahrungen sie machen mit Apps, mit Chats oder im Umgang miteinander. Und wir sprechen darüber, was ihnen vielleicht Angst macht, worüber sie sich austauschen wollen, was sie vielleicht nicht richtig verstehen oder worüber sie mehr wissen möchten. Darauf gehen wir dann tiefer ein und laden auch Leute ein, die noch mehr Wissen zu dem Thema haben. Und dann können die Mädchen* am Ende, wenn sie mehr wissen zu den Themen und sich sicherer fühlen, auch eigene Aktionen durchführen und kleine Projekte entwickeln und auf Themen aufmerksam machen, die vor allem Mädchen* im Netz erleben.


Ihr habt auch schon den ersten Workshop gestartet, richtig?


Genau, also eigentlich ist das Projekt so angelegt, dass wir eine Medienscout Ausbildung machen. Medienscouts sind Jugendliche, die etwas zu einem Thema wissen und das dann weitergeben, also gerade was Medienkompetenzen angeht. Das Projekt hat eigentlich das Ziel, dass wir langfristig mit den Mädchen* was machen, also über mehrere Monate hinweg. Und jetzt werden wir das an einer Schule anbieten als AG für ein ganzes Schuljahr. Wir werden uns also ein Schuljahr mit 10. Klässlerinnen* treffen und einmal die Woche DigitalAngels machen und dann können sie während dieses Schuljahres ihre eigenen Aktionen entwickeln und auch umsetzen.

Und die Workshops, von denen du gerade sprichst, die habe ich on top gesetzt, weil das Projekt eigentlich im April starten sollte mit der Ausbildung, es aber gar nicht so einfach ist, Teilnehmerinnen* zu finden. Als ich mal eine kleine Gruppe Probandinnen* gefragt habe: „Habt ihr schon einmal digitale Gewalt erlebt?“, meinten sie: „Nein.“ Und dann habe ich gefragt: „Wurden euch schon einmal Dickpics zugeschickt?“ – „Ja, das schon.“ „Und hast du schon einmal irgendwelche blöden Anfragen bekommen?“ – „Ja, das auch.“ „Oder irgendwelche Kommentare, die dich richtig verletzt haben?“ – „Ja, das auch.“ Aber dass das gar nicht als Gewalt angesehen wird, hat mich sehr erschreckt. Das ist mein größtes Learning bisher. Ich glaube die Jugendlichen erleben das jetzt im Moment und sehen noch gar nicht den langfristigen Effekt von dem, was so im Netz passiert.


Das heißt, ihr habt den Mädchen* und jungen Frauen* dann auch geholfen zu reflektieren, was überhaupt digitale Gewalt bedeutet?


Da sind wir ehrlich gesagt noch gar nicht. Es waren zwischen zwei und 15 Personen in den Gruppen und wir hatten uns ein Thema ausgesucht und zwar war das „Selbstdarstellung im Netz“. Ich bin der Überzeugung, dass Gewalt bei uns selbst anfängt. Die erste Ebene ist, was wir uns selbst antun, wenn wir andere Bilder sehen und andere Menschen und vielleicht dabei denken: „Die sieht so schön und perfekt aus.“ Dann fange ich vielleicht an, mich selbst zu quälen mit meinen Gedanken und fange vielleicht aus Zorn oder aus Rache an, zum Beispiel ins Mobbing einzusteigen. Das greift dann quasi in die nächsten Ebenen über, von innen nach außen. Und deshalb dieser Workshop, der erst einmal nach innen geht, also: „Was gucke ich mir im Netz an? Wen gucke ich mir an? Wen finde ich cool? Warum finde ich die Leute cool? Was zeige ich selbst von mir? Was macht das denn eigentlich mit mir?“


Warum empfindest du es als notwendig, Widerstand zu leisten?


Ich fände es schöner, wenn Widerstand subversiver passieren könnte. Also eher durchs Erfahren, Erfühlen und Erleben und wenn dann ein Umdenken stattfindet. Und ich finde es einfach gerade total schön, meine Kompetenzen, mein Wissen, meine Fähigkeiten Frauen* zur Verfügung zu stellen, ausschließlich Frauen*, sodass kein Mann davon profitieren kann. Das finde ich gerade total erfüllend und ist vielleicht gerade mein Widerstand dem Patriarchat gegenüber.


Wie bist du dazu gekommen beziehungsweise was hat dich motiviert, aktiv zu werden?


Ich fand es schon immer schön, mehr zu machen als das, was sein muss. Ich habe mich schon immer ehrenamtlich sehr viel engagiert und habe nach meinem Abi einen Freiwilligendienst im Ausland gemacht. Von da an fing meine Begeisterung dafür an, dass es noch so viel mehr Möglichkeiten neben dem Studium oder der Arbeit gibt, sich mit anderen Menschen zu beschäftigen und etwas zu lernen und dabei aber auch herumzukommen. Ich gebe etwas und dafür bekomme ich aber auch etwas und zwar Erfahrungen und Erinnerungen. Seitdem habe ich mich auch total viel für Bildung und nachhaltige Entwicklung eingesetzt. Mein Engagement hat immer etwas mit Bildung zu tun, also dass ich zum Beispiel ehrenamtlich Workshops leite oder dass ich mich für die Sprachförderung für Vorschulkinder einsetze, die nicht muttersprachlich deutsch sprechen. Darin habe ich mein Herzblut gesteckt.


Wie reagieren Menschen auf das, was du machst? Also sowohl Mädchen* und junge Frauen*, mit denen du arbeitest als auch Außenstehende?


Also bei Mädchen* und jungen Frauen* kann ich leider noch nicht so viel sagen. Unser Projekt steht ja noch am Anfang. Das bisschen Feedback, das wir bekommen haben, war super positiv. Das Schönste, was ich gesagt bekommen habe, war: „Die Zeit ist total verflogen und es war total schön, dass ich so viel erzählen konnte.“ Das hat mich richtig gefreut. Vielleicht brauchten sie das, dass sie einfach mal von Influencer*innen erzählen konnten, ohne dass jemand die Augen verdreht.

Allen, denen ich von dem Projekt DigitalAngels erzähle, sind auch total begeistert. Viele Projekte, Vereine und Organisationen sagen: „Das braucht es. Das ist total wichtig und gut.“


Wo siehst du deine persönlichen Chancen und Grenzen und die Chancen und Grenzen von DigitalAngels?


Also eine Chance sehe ich darin, dieses Projekt aufzubauen und dafür verantwortlich zu sein und dabei super viele Möglichkeiten zu haben, mich zu entfalten und meinen Stil reinzubringen. Und ich lerne sehr viel im Bereich Medienpädagogik dazu. Also nicht nur, welche Tools man benutzen kann, sondern auch, wie man die Medienkompetenzen bei Menschen stärken kann, die diese Tools nutzen. Und auch die Vernetzung mit den ganzen spannenden Projekten, die Jugendlichen kennenzulernen und auch am Puls der Zeit zu bleiben sind Chancen.

Das darf ich gar nicht sagen, aber ich habe Instagram und TikTok erst dieses Jahr geöffnet und angeguckt. Und jetzt habe ich mit Catha und Amina einen Instagram Account hochgezogen. Für mich ist das Neuland und das ist jetzt die Chance, den Anschluss wieder zu bekommen, sodass ich nicht die Verbindung verliere. Und ich denke, dass die Mädchen* da auch von profitieren können, da sie mir das erklären können und nicht ein Profi kommt, sondern eine Person, die gewillt ist, zu lernen. Ich will für sie auf professionelle Art und Weise einen Raum geben und sie können den Raum ausfüllen. Da sehe ich das große Potenzial.

Und Grenzen sind glaube ich, dass ich von ganz viel träume. Ich würde das Projekt am liebsten super groß aufziehen und überall ständig Workshops geben, eine Materialplattform haben, wo alle interessierten Fachkräfte Zugriff drauf haben und einen guten Newsletter haben. Wir haben aber kaum Kapazitäten und Ressourcen in dem Projekt. Ich habe manchmal Angst, dass ich das zu groß denke. Das könnte aber auch ein Potenzial sein, indem man erst mal groß denkt und dann schaut, wie weit man kommt.

Und ich könnte auch an meine Grenze stoßen, wenn Themen aufkommen, mit denen ich mich auch noch nicht sehr intensiv beschäftigt habe. Da habe ich auf jeden Fall Bedenken, wie wir das dann auffangen können, ohne dass es fahrlässig wird, so einen Raum zu öffnen.


Wie kann man sich deiner Meinung nach am besten einsetzen?


Ich glaube, was Einzelne tun können, ist sich selbst mit Cybersicherheit auseinanderzusetzen und dass wir uns alle mehr für Datenschutz interessieren oder dafür, welche Tools wir wie gedankenverloren benutzen. Jetzt beim FCZB (FrauenComputerZentrumBerlin) merke ich, dass Datenschutz ganz wichtig ist. Und ich glaube, was alle machen können, ist sich mehr Gedanken darüber zu machen, wie wir uns schützen können und wie wir miteinander im Chat oder in Gruppen reden. Mir fällt sehr oft auf, dass der Ton so schlecht und rau in Gruppenchats ist. Wir sollten einfach den Menschen dahinter sehen, der hinter einem Endgerät sitzt und uns vielleicht auch nochmal einen Tag Zeit nehmen, bevor wir auf etwas antworten. Online ist es oft so gedankenverloren, als wenn es keine echte Welt wäre. Ich glaube, wir müssen anerkennen, dass es eine hybride Welt ist. Wir leben auch online. Das ist ein Teil und es ist nicht davon abzugrenzen.


09.06.2021

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